// Dezember 4th, 2006 // No Comments » // Lesen macht sexy
Thomas Pynchon, einer der größten zeitgenössischen Autoren und gleichzeitig der mit abstand rätselhafteste, hat ein neues Buch herausgebracht. Und die Rezensenten kapitulieren gleich reihenweise.
Auf irgendeiner englischsprachigen Seite hab ich gelesen, dass ein Kritiker gleich eine ganze Rezensionsserie schreibt, weil der Roman sonst nicht zu fassen sei. In der SZ (Süddeutsche)* stand letzten Donnerstag im Feuilleton keine Kritik des Buches, sondern ein “Bericht von einer Reise durch Thomas Pynchons neuen Roman ‘Against the day’”. Weil, “Andere Autoren mögen schreibend Länder erschaffen – Thomas Pynchon tut es nicht unter einem Kontinent.”
Deswegen liegt auch “Die Enden der Parabel“, Pynchons Meisterwerk, das ihn (zumindest in der Literaturwelt) weltberühmt machte, noch ungelesen in meinem Regal. Über mehr als die ersten 20 Seiten bin ich nicht hinausgekommen. Mit Pynchon ist es wie mit Dostojewski (oder dem notorischen Gaddis , oder jedem anderen ‘unter tausend Seiten mach ich’s nicht’-Autoren), man hält kein Buch in der Hand, sondern eine gebundene Bibliothek. Keine Lektüre, sondern eine Lebensaufgabe. Man nimmt das Buch kurz in die Hand, schaudert, und stellt es zurück ins Regal während man etwas von Leben, vielleicht später, Zeiteinteilung und derisdochverrückt murmelt.
Vor Jahren habe ich DeLillos Unterwelt gelesen, ein Gesellschaftsroman über das 20. Jahrhundert. Das Buch spannte sich über mehrere Zeitlinien, zwischen denen hin und her gesprungen wurde, von den Fünfziger Jahren bis hin zur (damaligen, endneunziger) Jetztzeit. Ich brauchte ein halbes Jahr für diesen Schmöker. Man verstehe mich nicht falsch, ich hab es genossen. DeLillo ist ein der Meister der Sprache, dessen Prosa sogar in der Übersetzung noch wie federleichte Lyrik, ja fast schon melodiös, durch die Luft gleitet. Sätze, ganze Dialoge und Absätze, in denen man sich verlieren kann. Ich weiß nicht, wie er das macht. Ich wußte nach der Hälfte aber auch nicht mehr, wer die Hälfte der Personen war. Das fiel mir dann und wann immer wieder mal auf. ‘Ah, der homophobe Graffitisprayer aus den Siebzigern, der sich gegen Bezahlung Einen blasen lies, ist der schwule, aidskranke Mechaniker von heute, der den Ghettokids hilft. Das mir das jetzt erst auffällt.’ Ärgerlich.
Auf diese Bücher muss man sich einlassen. Dann muss man dranbleiben. Ich glaube, der Payoff kann hoch sein, aber wenn man nur halbherzig einen Marathon antritt, hat man, wenn man nach 20 Kilometern entnervt aufgibt -oder nach ibzehn Stunden im Ziel ankommt- nur noch das Gefühl, dass das zwar alles ganz toll war, aber irgendwie hätte es großartig sein können, müssen. War es aber nicht. Weil man selbst nicht voll dabei war. Es ist wie einen Film anschauen und sich während der ganzen Zeit zu unterhalten. Wenn der Film etwas wert war und man das fühlt, dann hat man dann danach auch dieses diffuse Gefühl etwas verpasst zu haben. Etwas Wichtiges vielleicht sogar.
Das klingt jetzt mehr nach Arbeit und Buckelei als ich es ausdrücken wollte. Keine Ahnung, wo ich mit diesem Text hinwollte. Letztlich ist es ja vielleicht einfach nur ein ‘Time Issue’, wie der Engländer zu sagen pflegt. Und damit mein ich nicht das Times Magazine.
*Erwähnte ich schon, dass ich deren Onlineauftritt hasse?
Tags: Zeit, Pynchon, DeLillo, Unterwelt, Feuilleton