G8 - SpiegelOnline Berichterstattung und -Realitätsbildung

veröffentlicht am 3. June 2007 unter: Politail. Autor: marcel

Der Spiegelfechter (der langsam zum mustread wird), zeigt mal wieder das hintergründige Verdrehen von Tatsachen auf, diesmal bei SpOn:

So meldet SPON bereits in der Überschrift ihres Live-Tickers “Wir müssen den Krieg in diese Demo tragen”.
Für 18.30 meldet SPON den Tickereintrag “[18:30] Auf der Kundgebungsbühne stachelt ein Redner die militante Szene auf: “Wir müssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts.”

Das gleiche Zitat bringt SPON in seinem Artikel über die Kundgebung:

“Als die ersten Autos brannten, stachelte ein Redner auf der Kundgebungsbühne die militante Szene noch mit klaren Worten auf: “Wir müssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts.””

Für diejenigen, die die Kundgebung live auf Phoenix verfolgt haben, mag dies seltsam klingen - hat dies doch keiner der Redner gesagt. Besinnt man sich indes auf die spiegeltypischen Übersetzungschwierigkeiten, wird einem so einiges klar. SPON meinte die Rede des philippinischen Globalisierungskritiker Walden Bello - Träger des alternativen Nobelpreises. Natürlich hat er nicht die Worte geäußert, die SPON ihm unterschieben will, sondern in einem vernünftigen Ton Kritik an der Vermeidung des Themas Irak-Krieg beim G8-Gipfel geübt:

“We have to bring the war right into this meeting - because without peace there can be no justice”.

Wie man dies mit - “Wir müssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts” übersetzen kann, ist mir schleierhaft.

Hier findet man die SpOn-Liveticker-Seite mit dem Zitat. Beim Spiegelfechter findet man außerdem einen Video-Ausschnitt der besagten Rede, die von Phönix übertragen wurde.

(qualitativ hochwertige Berichterstattung bei SpOn, Adi? ;)

Das ist übrigens genau so ein Beispiel für das, was ich mit ‘Tatsachen unterschlagen oder in Nebensätzen unverhältnismäßig relativiert’ meinte. Kleinstteiliges Piksen mit verdrehten Darstellungen, eingehüllt in einer vermeintlichen Unvoreingenommenheitspackung, das man nur durch exzessives Sezieren der Vorgänge ans Tageslicht holen kann. Tausendmal gefährlicher als ein offen subjektiver Artikel, der, selbst wenn er sehr bedenklich eingefärbt ist, wenigstens als Solcher sofort erkennbar ist.)

(via)

Update: SpOn korrigiert und erklärt (Bleibt die Frage, warum man Informationen über eine Veranstaltung ungeprüft von der dpa übernimmt, die gleichzeitig live im TV übertragen wurde. Günstiger bekommt man eine zweite Quelle nicht. Und das ist schließlich nicht das erste Mal, dass sich gezeigt hat, dass Agenturen eben nicht immer einwandfreie Informationen liefern. Wieauchimmer)

UpdateII 5.6.07 22Uhr: Bitte die Updates beim Spiegelfechter lesen. Unter anderem:

Nur zur Erinnerung: Seit der falschen Pressemeldung sind mittlerweile fast 67 Stunden vergangen - eine Ewigkeit in der schnelllebigen Medienwelt. SPON hat reagiert und die Tickermeldung mit einem eindeutigen Kommentar versehen. Ferner bietet jetzt auch SPON das Video auf seinen Seiten an. Das ist zwar ein korrektes und entschiedenes Krisenmanagement, kommt aber viel zu spät.

Auch im ZDF-Blog:

Für die Medien, die auf diese Ungenauigkeit hereinfielen, ein schwerer Patzer und ein unangenehmes Zurückrudern in Gegendarstellungen. Das ZDF hat frühzeitig die missverständliche Deutung erkannt und den Zusammenhang eben nicht hergestellt.

Das hat gesessen.

Stefan Niggemeier hat die Chronologie der Falschmeldung zusammengestellt. Lesetipp. Zeigt auf, wie die Falschmeldung in anderen Zeitungen die Runde macht.

Bellos Sätze sind im Original bereits eine halbe Stunde, nachdem er sie gesagt hat, bei MyVideo zu sehen.

Drei Tage wird dpa brauchen, den Fehler zu korrigieren. Drei Tage sind eine lange Zeit.

und

Die meisten Artikel, die die dpa-Ente übernommen haben, scheinen unverändert online zu sein.

Und jede Wette: Die meisten Tageszeitungen werden die Fehler, ihre eigenen und die der dpa, morgen weder berichtigen noch sich dafür bei irgendwem entschuldigen, schon gar nicht bei ihren Lesern.

(Haha, lustig auch die ersten zwei Komentare beim Niggemeier-Blog.)

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7 Kommentare zu “G8 - SpiegelOnline Berichterstattung und -Realitätsbildung”

da du mir noch einmal eine persönliche frage stellst (die keine frage ist):
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,486256,00.html
ja, das ist tatsächlich qualitativ hochwertige berichterstattung. diese ausführliche - und transparente - richtigstellung zeigt das.
und dein argument mit dem fernsehen ist doch quatsch, jetzt mal ehrlich. oder glaubst du im ernst, unter diesem extremen zeitdruck wie bei einer tagesaktuellen berichterstattung bliebe zeit, nebenbei ein bißchen fernsehen zu schauen, um evtl. nachfolgende agenturzitate vorträglich gegenzuchecken?
im übrigen arbeitet die dpa so zuverlässig, dass auf sie für gewöhnlich verlass ist. ihre fehlerquote ist extrem gering. selbst bei kleinigkeiten schickt sie umgehend berichtigte fassungen und ausführlich erklärte korrekturen heraus.
niemand ist fehlerfrei, perfektion ist einfach nicht drin. ihnen deswegen pauschal fehlende rechtschaffenheit vorzuwerfen, ist nicht in ordnung.

Die Richtigstellung war ja wohl das Mindeste. Was ich mit dem TV-Argument sagen wollte, ist, dass es nun wirklich nicht um exclusive, schwer zu bekommende Informationen handelte. Jeder,der die Übertragung live im TV verfolgte, konnte das überprüfen. Leichter geht’s ja wohl nicht. Und deswegen muss das drin sein.
Und gab’s da nicht mal ne Regel von 2 Quellen? Und blindes Vertrauen in Agenturen? please..ist ja nicht so dass wir gerade hier ein Gegennbeispiel vorliegen haben, oder? Hast Du Dir mal durchgelesen, was SpOn zur dpa-Erklärung sagte?

“Die Agentur dpa hatte sich zuvor gegenüber SPIEGEL ONLINE darauf berufen, dass ein Veranstaltungsteilnehmer auf der Bühne Bello übersetzt und wie in der dpa-Meldung vom Samstag wiedergegeben hätte. Ein Video-Mitschnitt, der SPIEGEL ONLINE inzwischen vorliegt, zeigt jedoch, dass der Übersetzer auf der Bühne Bellos Aufruf korrekt wiedergegeben hat.”

Ja nee is klar, dpa. Wo kommt der Übersetzungsfehler her?
Und was glaubst du eigentlich, wieviele den Ticker am Samstag fehlerhaft und wieviele ihn am nächsten Tag berichtigt gelesen haben? Ob die Zahl derer, die die falsche Version gelesen haben und von der Berichtigung nie etwas erfahren werden, wohl recht hoch ist? Anzunehmen, oder? Was ist mit der Verantwortung der Berichterstatter? Und wenn Agenturmeldungen ohne Prüfung, selbst wenn diese recht simpel zu bewerkstelligen ist, einfach übernommen werden, warum braucht’s dann noch den Mittelsmann Journalist? Zum Umformulieren? Schau dir mal Googlenews an und wieviele Agenturmeldungen oft sogar gebracht werden _ohne_ umzuformulieren (am Ende gar automatisch eingepflegt).

Nenn mir die Daseinsberechtigung für eine Redaktion wenn so eine Korrektur auch noch von außerhalb kommen muss.
Agenturen sind übrigens in letzter Zeit auch öfters nicht mehr so neutral wie sie eigentlich sein sollten (Du willst mir nicht erzählen, dass Agenturmitarbeiter nicht richtig übersetzen können. Und zB zumindest eine Agenturmeldung zum brennenden Auto von Diekmann war auch tendenziös)

Bezeichne bitte SpOn nicht mehr als eine Instanz, die qualitativ hochwertige Berichterstattung liefert. Du machst Dich da echt nur lächerlich. Das ist eine Seite, die ganze Passagen von Wikipedia ohne Quellenangaben übernimmt, und bei Hinweis darauf die Artikel ohne Erklärung löscht. Auch Stories von Blogs wurden schon übernommen ohne auf die Quellen zu verweisen.

Meines Wissens nach ist das hier das erste Mal, dass SpOn sich berichtigt UND öffentlich rechtfertigt. In meinen Augen eigentlich eine Selbstverständlichkeit (die Du gleich wieder zum Argument für ‘qualitativ hochwertig’ aufwertest, let’s talk about low expectations).

Dein blindes Vertrauen in etablierte Instanzen ist etwas irritierend, um ehrlich zu sein. Wäre ich fies, würde ich sagen, dass das vielleicht bei vielen Journalisten oder angehenden Journalisten anzutreffen ist und das auch der Grund ist, warum das Image des Journalisten immer schlechter wird.

Bevor das missverstanden wird: Natürlich sollten Agenturmeldungen in der Regel verlässlicher sein als andere Quellen und müssen nicht immer mit einer zweiten abgeglichen werden. Das ungeprüfte Übernehmen aber auch von Fakten, die leicht nachprüfbar sind (selbst zeitnah nach der eigenen Veröffentlichung wäre das noch möglich gewesen), besonders wenn es um ein sehr heikles Thema geht, ist nicht gerade eine Sternstunde des Journalismus.
Eben weil Fehler wie dieser hier passieren.

(Und Zeitdruck darf kein Argument für fehlendes Recherchieren sein. Zumal die Richtigstellung erst am nächsten Tag erfolgte. Warum gibt es keine Qualitätskontrolle mehr und warum ist das auf einmal okay?)

Bitte das zweite Update beachten.

Eine Ente namens “Wir müssen den Krieg in diese Demonstration reintragen”…

An der ganzen Geschichte gefällt mir so einiges nicht, aber dazu weiter unten mehr, hier erstmal die grobe Zusammenfassung.
Wie Spiegelfechter ja sehr schnell herausgefunden hat, war das Zitat, welches wohl die DPA verbreite hat, kompletter Bl&oum…

[…] Älteren unter den musiqua-Lesern können sich vielleicht noch an die Diskussion über die Qualität bei SpiegelOnline erinnern. Boykott hin oder her (so wichtig ist mir SpOn nun auch wieder nicht, dass ich da extra […]

[…] dpa-Mitarbeiter über die dpa und die Agenturabhängigkeit der Journalisten. Bezogen auf den jüngsten dpa-Fehler besonders interessant. (via wirres, den, ja, ich seit geraumer Zeit wieder […]

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